Bearbeiteter Ausschnitt aus âchampagne tower ClubMed Kabira Press Tourâ von Norio NAKAYAMA, CC BY-NC-SA 2.0, via flickr.com.
Wir haben gesehen, dass Ungleichheit aus gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Perspektive als problematisch angesehen werden kann. Manche Wissenschaftlerinnen gehen jedoch davon aus, dass Ungleichheit fĂŒr eine effiziente und wachsende Wirtschaft sowie eine fortschrittliche und freie Gesellschaft nötig sei. Sie stehen staatlichen MaĂnahmen zur Umverteilung skeptisch gegenĂŒber. Im folgenden Lernabschnitt schauern wir uns einige ihrer Argumente an.
UngefĂ€hr seit den 1970er Jahren galt es innerhalb der Volkswirtschaftslehre als verbreitete Gewissheit, dass es fĂŒr das BIP-Wachstum und eine effiziente Wirtschaft eher schĂ€dlich wĂ€re, wenn durch staatliche MaĂnahmen zu stark in die marktbedingte ökonomische Ungleichheit eingegriffen werde. So schreibt zum Beispiel der angesehene Wirtschaftsforscher N. Gregory Mankiw in einem weltweit verwendeten Lehrbuch ĂŒber das VerhĂ€ltnis von wirtschaftlicher Effizienz und gerechter Verteilung:

âEffizienz betrifft die GröĂe des ökonomischen Kuchens, Gerechtigkeit die Verteilung des Kuchens. Diese beiden Ziele stehen bei politischen MaĂnahmen meist im Konflikt. [âŠ] Versucht die Regierung den ökonomischen Kuchen in gleichmĂ€Ăigere StĂŒcke zu schneiden, wird der ganze Kuchen kleiner.â
N. Gregory Mankiw, 2016
Mankiw geht also von einem Konflikt zwischen dem Ziel einer gleichmĂ€Ăigeren Einkommensverteilung und dem Ziel wirtschaftlicher Effizienz â und damit auch einem gröĂeren Wirtschaftswachstum â aus.
Wirtschaftsforscherinnen, die diese Position vertreten, argumentieren vor allem angebotsseitig: Beispielsweise wird es kritisch gesehen, wenn der Staat durch hohe SteuersĂ€tze auf Spitzeneinkommen Einnahmen erzielt, um diese dann beispielsweise durch Sozialleistungen an Ă€rmere Haushalte umzuverteilen. Diese hohen SteuersĂ€tze wĂŒrden die besonders leistungsfĂ€higen Bezieherinnen von Spitzeneinkommen davon abhalten, noch mehr und motivierter zu arbeiten. Ihre Leistungsbereitschaft wĂŒrde also unter den hohen SteuersĂ€tzen leiden.
Auch eine zu hohe Besteuerung von Unternehmen wird abgelehnt, unter der Annahme, dass dies die Risiko- und Investitionsbereitschaft der Unternehmerinnen schwĂ€che, was sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirke. AuĂerdem wird die Position vertreten, dass eine zu hohe Besteuerung und die Absicherung durch den Sozialstaat dafĂŒr sorgen könnte, dass die Bereitschaft zum Sparen auf Seite der Haushalte zurĂŒckgehe, was wiederum fĂŒr die Investitionen und den Kapitalbestand im Land schlecht sei.
SchlieĂlich werden als zu groĂzĂŒgig empfundene staatliche Sozialleistungen wie z. B. die ArbeitslosenunterstĂŒtzung, die eine Verringerung der Ungleichheit bewirken, bisweilen kritisch betrachtet, weil sich so das Arbeitsangebot (also die Bereitschaft der Haushalte, ihre Arbeitskraft auf den ArbeitsmĂ€rkten zur VerfĂŒgung zu stellen) reduziere. Bei einer niedrigeren ArbeitslosenunterstĂŒtzung seien die Haushalte eher bereit, auch fĂŒr niedrigere Löhne zu arbeiten, was wiederum zum Wachstum des BIP beitrage. Daher wird fĂŒr einen Abbau solcher Sozialleistungen plĂ€diert. Auch andere MaĂnahmen, wie z. B. die SchwĂ€chung der Gewerkschaftsmacht oder Lockerungen beim KĂŒndigungsschutz haben ebenfalls das Ziel, fĂŒr eine höhere BeschĂ€ftigung zu sorgen, wenn auch bei niedrigeren Löhnen und einer möglicherweise höheren Ungleichheit.
In Kapitel 2 haben wir uns bereits mit einem einfachen neoklassischen (angebotsorientierten) Modell befasst. Damals lag der Schwerpunkt darauf, wie damit Arbeitslosigkeit erklĂ€rt und bekĂ€mpft werden kann. Aber auch fĂŒr den Zielkonflikt zwischen Effizienz und Gleichheit lohnt es sich, nochmal einen Blick in das Modell zu werfen. Welchen Effekt hat hier beispielsweise eine Erhöhung der ArbeitslosenunterstĂŒtzung oder eine StĂ€rkung der Gewerkschaften auf das BIP? Du musst dazu zunĂ€chst ein HĂ€kchen bei âArbeitsmarktâ setzen.
Die Ăkonomie des Heruntertropfens
Als politische MaĂnahmen werden dementsprechend Absenkungen der SpitzensteuersĂ€tze auf Einkommen, niedrigere Unternehmensteuern und ein RĂŒckbau staatlicher Sozialleistungen vorgeschlagen. âMehr Netto vom Bruttoâ und âLeistung muss sich wieder lohnenâ sind politische Slogans, die hiermit oft verbunden sind.
Auch der Begriff der âTrickle-Downâ (âHeruntertropfenâ oder âDurchsickernâ)-Ăkonomie wird verwendet: Damit ist gemeint, dass die Ansammlung von Reichtum an der Spitze der Verteilung letztlich durch höhere Investitionen, mehr ArbeitsplĂ€tze und höhere BIP-Wachstumsraten auch bei den Ă€rmeren Haushalten zu einem Anstieg des Wohlstands fĂŒhrt. Anstatt also den Blick auf die gleichmĂ€Ăigere Verteilung des Kuchens zu richten, sollte man besser den reicheren Haushalten ihr groĂes KuchenstĂŒck lassen, weil diese dann dafĂŒr Sorge tragen, dass die ganzen Kuchen der Folgejahre gröĂer wĂŒrden, und damit auch die kleineren KuchenstĂŒcke wachsen. Die H5P-Anwendung unten illustriert die postulierte Wirkung der âTrickle-Downâ-Ăkonomie.
H5P-Element âDie Logik der Trickle-Down-Ăkonomieâ. Quellen- und Lizenzangaben unter âRights of useâ im H5P-Element.
Zweifel am Zielkonflikt
Die Gewissheit eines Zielkonfliktes zwischen einer gleichmĂ€Ăigeren Verteilung und einem höheren Wachstum wird inzwischen von vielen Wirtschaftsforscherinnen bestritten. Sie sehen in Ungleichheit eher ein Hindernis fĂŒr mehr Wachstum: Unter anderem argumentieren sie, dass das Wirtschaftswachstum schwĂ€cher als möglich ausfalle, wenn Ă€rmere Haushalte nichts in ihre Ausbildung investieren könnten oder unter einer schlechten Gesundheitsversorgung litten. Beides könne ihre ProduktivitĂ€t verringern. Auch bremse eine niedrige gesamtwirtschaftliche Nachfrage das Wachstum aus.
Video âEin kurzer geschichtlicher Ăberblick ĂŒber die Entwicklung der Einkommensungleichheitâ von Till van Treeck/Institut fĂŒr Sozioökonomie, CC BY 3.0. Das Video wird hier von youtube.com eingebettet.
Seit einigen Jahren wird der Zusammenhang zwischen Ungleichheit, Umverteilung und Wirtschaftswachstum auch vermehrt empirisch â d. h. mit Blick auf die tatsĂ€chlichen wirtschaftlichen Daten â untersucht. Geht höhere Ungleichheit eher mit einem höheren oder mit einem niedrigeren BIP-Wachstum einher? AbschlieĂend ist diese Frage noch nicht beantworten. Einige Studien kommen jedoch zum Ergebnis, dass eine hohe Ungleichheit eher hinderlich fĂŒr Wirtschaftswachstum ist.